Theater ohne Grenzen
Das ganze Theater begann mit einer Begegnung. Masha Ostrovskaja aus St. Petersburg traf auf einer Konferenz in Pskov Barbara Profeta aus dem Tessin. Eine Russin und eine Schweizerin, die beide große Visionen haben:
Masha, die als Psychologin in der sowjetischen Psychiatrie arbeitend das Leben von Menschen abseits des Durchschnitts kennen gelernt hat. Jetzt ist sie Direktorin des russischen Vereins „Perspektivy“ und versucht, Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen bessere Bedingungen für ihr schwieriges Leben zu schaffen.
Barbara bringt Leute auf der ganzen Welt zusammen, von denen sie das Gefühl hat, dass sie gemeinsam etwas auf die Beine stellen könnten.
In diesem Fall die Schauspielertruppe um Lena Schiffers aus dem Psycho-Neurologischen Internat in Peterhof und die „Giullari di Gulliver“, der Gruppe von Prisca Monardhini und Antonello Cecchinato, die mit besonderen Schauspielern Theater machen.
Es war eine mutige Idee, die Masha und Barbara da in den Kaffeepausen der Konferenz skizzierten: die russische Gruppe sollte die Kollegen und Kolleginnen im Tessin besuchen. In der Abgeschiedenheit der Tessiner Berge sollte ein gemeinsames Stück entstehen und einem italienisch sprachigen Publikum vorgeführt werden. Das Theater ohne sprachliche, politische und körperliche Begrenzungen.
Das klingt so leichtfüßig und war und bleibt doch in der Umsetzung ein steiniger Weg: Geld muss gefunden werden, um aus der Idee eine tatsächliche Reise zu machen. Eine Reise aus einem abgelegenen russischen Behindertenheim auf die Anhöhen der südschweizer Berge. Auf mühsamen bürokratischen Wegen mussten russische Auslandspässe beschafft und von Menschen unterschrieben werden, die teilweise ihre Hände nur schwer einsetzen können. Sozialbehörden mussten überzeigt werden, dass die Schauspieler nicht zum Betteln ins Ausland geschickt wurden. Und schließlich mussten Koffer gepackt und Reisevorbereitungen mit Menschen getroffen werden, die noch nie eine Reise unternommen hatten. Weil sie im Rollstuhl sitzen oder das Down-Syndrom haben und daher auch heute noch in Russland in ihrer Bewegungsfreiheit äußerst eingeschränkt sind.
Der Kraft und Überzeugung von Lena Schiffers und der Begleitpersonen der russischen Gruppe ist es zu verdanken, dass die mutige Idee umgesetzt werden konnte: im Juli 2007 landeten die Schauspieler Ilgar, Julia, die beiden Svetas und Ljuba mit ihren Begleiterinnen Jelena, Olga, Ilona und Evgenija erst in Mailand und nach einer langen Busfahrt in einem Ferienheim über Ascona. Dort trafen sie auf Katja, Mitch und Bruno mit den Schauspielern Prisca und Erik und dem Regisseur Antonello und es begannen intensive Tage des Kennenlernens und Sich-aufeinander-Einspielens. In diesem Prozess kristallisierte sich heraus, dass Lena Schiffers mit ihren Leuten schon viel mit Texten gearbeitet hatte: sie brachten Fragmente aus Hamlet, dem kleinen Prinzen, Daniil Charms und Rilke auf die gemeinsame Bühne. Von den Schweizern kam Leichtigkeit und Schwung für Improvisation und aus den vielfältigen Teilen und Talenten wurde das Stück „Promenade/Spaziergang. Punkt, Linie, Bewegung“ geflochten: ein schwungvolles und gleichzeitig tiefgehendes Nachdenken über das Leben, über Identität, über Grenzen und Unendliches. Und alle waren auf der Bühne: Julia, die im Rollstuhl über die Bretter fegte und Erik, Schauspieler, Fahrer und Faktotum der „Giullari“; Jelena, die Krankenschwester aus dem Internat und Mitch als Dr. Zhivago; Lena, die professinelle Schauspielerin und Regisseurin aus St Petersburg und der Aserbajdschaner Ilgar aus dem Internat, der mit ihr den „Hamlet“-Monolog einstudiert hatte. Er verlässt zum Höhepunkt des Stücks seinen Rollstuhl und entscheidet sich damit für das „Sein“; Katja, die ihre wunderschönen italienische Gedichte vortrug und Antonello, der unter anderem bei dem berühmten Clown Dimitri in die Lehre gegangen ist. All diese Menschen boten vier sehr besondere Sommerabende am Luganer See: Abende an denen die Idee des Zusammenbringens, des Über-sich-Hinauswachsens und des Gemeinsamen wirklich zu spüren war und bezauberte.
So sehr, dass die beiden Gruppen als „Theater ohne Grenzen“ schon für den Sommer 2008 eine gemeinsame Aktion in St. Petersburg planten. Die „Giullari“ flogen nach Russland. Wieder wurde intensiv geprobt, Bewährtes geübt und Neues eingespielt – diesmal in einem Ferienlager in einem Seminarzentrum auf der Wasilij-Insel. Die Aufführungen fanden auf drei bekannten Petersburger Bühnen statt und das Publikum erschien so zahlreich, dass im „Baltijskij Dom“ noch zusätzliche Stühle herangeschafft werden mussten. Schauspielerkollegen waren da und Journalisten, Familien mit Kindern und Vertreter von NGOs, vereinzelte Touristen und Bewohnerinnen des Internats. „Anshlag“ nennt man in Russland einen vollen Theatersaal – es gab „Anshlag“ beim „Theater ohne Grenzen“!
Lena Schiffers, die russische Regisseurin im Art Studio, meint, dass der Erfolg der Auftritte in der wunderbaren zwischenmenschlichen Chemie läge, die in der Theatertruppe entstanden sei und in der Professionalität, mit der die Schauspieler mit und ohne Behinderung an ihre Arbeit herangingen.
Im Sommer 2009 zieht das Theater ohne Grenzen“ weitere Kreise: ein workshop und Auftritte in Ostwestfalen stehen ab Mitte August auf dem Programm, zu denen auch deutsche Schauspieler mit besonderen Begabungen stoßen werden.
„In der Mitte meines Lebens finde ich mich von einem dunklen Wald umgeben...“. Mit einem Zitat aus der „Göttlichen Komödie“ von Dante leitet Sveta mit ihren verdrehten Händen den Theaterabend ein. Und damit verschwimmen alle Grenzen: die Grenzen des Raums, der Sprache, der körperlichen Beengtheit, die Grenze zwischen Zuschauer und Bühne. Man kommt zu sich auf diesem „Spaziergang“ – und dazu nehmen einen die Künstler des „Theater“ ohne Grenzen“ an der Hand.
Maria Marginter
Für „Perspektiven e.V.“ Juni 2009